Schnittstellen als Schlüssel
Wenn neue digitale Lösungen oder KI-Systeme auf gewachsene IT-Landschaften treffen, entscheidet oft ein unscheinbares Detail über Erfolg: die Schnittstellen. Fehlen standardisierte, dokumentierte und stabile Schnittstellen, fließen Daten nicht automatisch dorthin, wo sie gebraucht werden. Systeme sprechen nicht miteinander. Informationen müssen doppelt erfasst werden, Prozesse bleiben unterbrochen, es entstehen Medienbrüche. Diese fehlenden Verbindungen verhindern auch im Handwerk nicht selten, dass moderne KI- oder Digitalisierungslösungen überhaupt im Betrieb ankommen, weil die Integration in die bestehende Softwarelandschaft mehr Aufwand bedeutet als ihr Nutzen verspricht.
Foto: FHM
Gerade in Handwerksbetrieben, in denen Betrieb, Baustelle und Büro ineinandergreifen, ist die nahtlose Integration wichtig: Prozesse müssen im Fluss bleiben, während neue Technologien spürbaren Mehrwert liefern. Auch die Use Cases im Projekt KIDiHa stellen sich dieser Herausforderung. Innerhalb dieser Anwendungsfälle arbeiten Handwerksbetriebe in enger Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut aus Lemgo an digitalen oder KI-gestützten Lösungen passgenau für ihren Betrieb. KIDiHa ist ein vom Land NRW gefördertes Projekt, bei dem die Fachhochschule des Mittelstands (FHM), das Fraunhofer-Institut aus Lemgo und die Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe zusammenarbeiten, um Bildungs-, Informations- und Transformationsangebote aus den Bereichen KI und Digitalisierung für das Handwerk bereit zu stellen.
Intelligente Ladentheke und die Kopplung mit dem Kassensystem
Der Prototyp der intelligenten Bäckertheke bei der Bäckerei Biere basiert auf der RFID-Technologie: Ein gechipptes Armband, das das Verkaufspersonal hinter der Theke trägt, erkennt automatisch, welche Backwaren in der Brötchentüte landen. Das reduziert Tippaufwand und lässt mehr Zeit für Kundengespräch und Beratung. Im Live-Test funktioniert die Erfassung zuverlässig. Jetzt müssen die Daten in das Kassensystem überführt werden. Genau hier kommt die Schnittstelle ins Spiel: Erst wenn die Kasse die Daten verarbeitet, wird aus der smarten Erfassung der Waren ein durchgängiger Prozess vom Griff ins Regal bis zum Bon. Aktuell befindet sich das Projekt in genau dieser Phase – Gespräche mit dem Anbieter und Lösungsprozesse laufen. Langfristig sollen auch die Verkaufszahlen in Echtzeit verarbeitet, automatische Angebote vorschlagen und eine Bedarfsprognose erstellt werden: Beratung, Verfügbarkeit und Aktionen würden dann „im richtigen Moment“ zusammengeführt.
Digitale Projektmappe zwischen Werkstatt, Baustelle und Büro
Vom Zettel zum Display: Mit der digitalen Projektmappe, die in Kooperation mit dem Restaurateur Kramp & Kramp entwickelt wird, werden handschriftliche Laufzettel an den Werkstattwagen ersetzt. Ein Display macht den Arbeitsstatus in Echtzeit sichtbar, ein Ampelsystem zeigt die Dringlichkeit. Das schafft Transparenz, Übersichtlichkeit und Planungssicherheit. Vier solcher Displays werden bis Ende des Jahres als Demonstratoren installiert und in den Test-Betrieb überführt. Das System wird dann an die bestehende Software angebunden. Die Herausforderung hier: Datenflüsse und Zugriffsrechte konsolidieren, damit keine Insellösung entsteht.
Vom Wort zum Angebot
Das Speech2Text-System ermöglicht es Tischlermeister Matthias Gerdesmeier, Kundengespräche einfach ins Handy zu diktieren. Eine KI wandelt die Sprache in Angebotsbausteine um – eine enorme Zeitersparnis und weniger Schreibarbeit. Mit der Demoversion testet der Tischler nun die Software, mithilfe seines Feedbacks wird sie weiter optimiert. Damit die KI-Ergebnisse nicht „neben“ dem bestehenden Prozess von Angebot und Kalkulation bleiben, muss die Software an bestehende Systeme angebunden werden. Dann werden aus Worten strukturierte Daten, Fehlerquellen werden reduziert und es entsteht ein sauberer Ablauf.
Risserkennung per Klopfsignal und KI
Die Bildhauerei Diwo entwickelt gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut aus Lemgo ein KI-gestütztes System zur Klangprobe von Steinobjekten. Ein Mikrofon erfasst dabei die akustische Signatur, die KI bewertet den Zustand (intakt/beschädigt). Rund 850 Klopfgeräusche hat Steinmetz Michael Diwo mit dem Gerät bereits aufgenommen, die als Trainingsdaten für das KI-Modell fungieren. Aktuell erkennt das Modell Schadstellen mit einer Genauigkeit von ca. 90 Prozent. Auch wenn bei diesem Use Case die Datenerhebung zunächst im Fokus steht – in Zukunft stellt sich auch hier die Frage nach der Schnittstelle: Wie können die Daten des Gerätes direkt in Dokumente überführt werden, bspw. in ein Gutachten? Darüber hinaus stößt das System in der Branche auf großes Interesse. Die Vision von einer Drohne mit Klopfarm würde Arbeiten an Gebäuden in großer Höhe erleichtern, Gefahren für den Steinmetz reduziert werden.
Trotz unterschiedlicher Gewerke bleibt die Herausforderung ähnlich. Die technische Innovation ist der Integration voraus. Effektive Datenflüsse entstehen nur mit offenen Schnittstellen. Die KIDiHa-Use Cases sind vielversprechend, jetzt gilt es, die entsprechenden Brücken zu bauen.